Von 2,59 € lieblich zur Lust am Entdecken

Schmeckt Wein im Urlaub wirklich besser oder bildest du dir das nur ein? Die Antwort ist überraschend logisch – und hat nichts mit Einbildung zu tun.

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8/21/20266 min read

Die 3 wichtigsten Drops

  • Den eigenen Weingeschmack zu finden bedeutet nicht, irgendwann nur noch dieselben Weine zu trinken – sondern besser zu wissen, was einem schmeckt, und trotzdem neugierig zu bleiben.

  • Manche Weine bleiben wegen ihres Geschmacks in Erinnerung, andere wegen eines besonderen Moments. Und manchmal erinnert sogar eine Flasche, die einem gar nicht geschmeckt hat, an einen richtig guten Tag.

  • Mein Weg führte nicht vom billigen zum teuren Wein. Er führte von „Ich nehme einfach lieblich" zu mehr Neugier, mehr Entdeckungen und einem besseren Gefühl dafür, was mir persönlich schmeckt.

Wie ich meinen Weingeschmack gefunden habe

Meine Geschichte mit Wein beginnt nicht mit einem besonderen Jahrgang, einem bekannten Weingut oder einer sorgfältig ausgewählten Flasche. Sie beginnt mit einem lieblichen Dornfelder für 2,59 Euro. Und sie endet nicht damit, dass ich diese Flasche heute belächle.

Warum fing alles mit einem lieblichen Dornfelder für 2,59 Euro an?

In jungen Jahren trank ich hauptsächlich Bier. Von Wein hatte ich praktisch keine Ahnung. Wenn doch mal eine Flasche Wein bei mir landete, dann war es fast immer dieselbe: ein günstiger Dornfelder lieblich für etwa 2,59 Euro.

Das große Weinregal im Supermarkt stand natürlich schon damals da, mit Dutzenden Flaschen, Rebsorten und Herkunftsländern. Nur wusste ich schlicht nicht, wonach ich darin überhaupt suchen sollte. Man kaufte, was man kannte, und mit wenig Geld in der Tasche wurde ohnehin eher aufs Preisschild als auf das Etikett geschaut.

„Lieblich" fühlte sich sicher an. Zugänglich. „Trocken" dagegen klang für mich damals eher nach einer Kampfansage – nach etwas, das man tapfer durchstehen musste, statt es zu genießen. Im Rückblick ist das ziemlich amüsant, aber ehrlich: Ich hatte einfach keinen Vergleich und orientierte mich an dem, was mir vertraut war. Der Dornfelder war deshalb kein schlechter Wein – er war mein Ausgangspunkt.

Wie haben mich Probierpakete zum Wein-Entdecken gebracht?

Über Freunde stieß ich irgendwann auf Vinos.de. Was mich zunächst überzeugte, war ziemlich pragmatisch: Probierpakete. Weine, die einzeln oft rund 15 Euro gekostet hätten, waren im Paket plötzlich für etwa fünf bis sieben Euro pro Flasche zu haben.

Mein erster Gedanke war ungefähr: Moment mal – so kann ich also Weine probieren, die ich mir einzeln wahrscheinlich nie gekauft hätte, ohne dafür ein Vermögen auszugeben?

Was dann folgte, war die eigentliche Überraschung. Bis dahin hatte ich fast ausschließlich zu lieblichem Dornfelder gegriffen. „Trocken" klang für mich, wie schon erwähnt, eher nach herb, unangenehm oder kaum genießbar. Von mir aus hätte ich mich vermutlich nie bewusst vor ein Weinregal gestellt, um mehrere trockene Weine gezielt auszuprobieren.

In den Probierpaketen waren nun aber ganz selbstverständlich trockene Weine. Und so probierte ich plötzlich genau die Weine, an die ich mich vorher wahrscheinlich nicht herangetraut hätte.

Das war der eigentliche Wendepunkt meiner Weinreise: Die trockenen Weine waren überhaupt nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Statt eines einheitlichen „trockenen Geschmacks" entdeckte ich, wie unterschiedlich Wein sein kann. Die Vielfalt der Aromen, Geschmäcker und Eindrücke im Mund hat mich überrascht und beeindruckt – und meine Neugier auf weitere Weine geweckt. Diese Vielfalt beeindruckt mich ehrlich gesagt bis heute, auch wenn ich viele dieser einzelnen Aromen noch immer nicht zuverlässig erkennen oder benennen kann. Das heißt nicht, dass ich keine Unterschiede schmecke – im Gegenteil, ich merke sehr genau, dass Weine unterschiedlich schmecken und mir unterschiedlich gut gefallen. Ich kann diese Eindrücke nur häufig nicht in die typischen Weinbegriffe übersetzen.

Mit den regelmäßigen Probier- und Sparpaketen begann so meine eigentliche Entdeckungsreise – weg vom sicheren Griff zu „lieblich", hin zu mehr Neugier und der Lust, immer wieder neue Weine zu entdecken.

Warum ist mir ausgerechnet ein Wein aus dem Jahr 2009 in Erinnerung geblieben?

Aus einem meiner frühen Vinos-Pakete ist mir ein Wein bis heute besonders im Gedächtnis geblieben: der Montgó Monastrell-Shiraz, Jahrgang 2009, von Hammeken Cellars.

Die Kombination aus Monastrell und Shiraz faszinierte mich damals. Leider verschwand der Wein später aus dem Sortiment. Und auch die Kombination aus Monastrell und Shiraz begegnete mir danach lange nicht mehr. Was genau ihn damals so besonders gemacht hat, könnte ich heute nicht mehr in Verkostungsnotizen zerlegen. Entscheidend ist etwas anderes: Der Wein und das Erlebnis, ihn zu entdecken, sind über all die Jahre bei mir geblieben.

Mein Interesse daran verschwand nie ganz. Erst vor wenigen Wochen habe ich wieder aktiv danach gesucht, welcher heute erhältliche Wein dieser alten Erinnerung möglichst nahekommen könnte. Dabei bin ich auf den [Clos Lupo Monastrell-Shiraz](#) (Werbung) gestoßen. Für mich trifft er die Erinnerung an den damaligen Montgó erstaunlich gut – und ist aktuell mein persönlicher Lieblingswein.

Das Besondere daran: Der Clos Lupo kostet regulär nur 7,95 Euro. Zum Zeitpunkt, als ich diesen Artikel geschrieben habe, war er bei Vinos im 10er-Sparpaket sogar für 4,79 Euro pro Flasche erhältlich. Solche Paketpreise sind natürlich eine Momentaufnahme und können sich jederzeit ändern. Für meinen persönlichen Geschmack kommt aktuell mancher Rotwein aus dem Supermarkt für über zehn Euro nicht an ihn heran – wobei das eben genau das ist: mein persönlicher Geschmack, keine objektive Bewertung.

Wie haben Probierpakete meine Weinreise über die Jahre geprägt?

Die folgenden zehn, fünfzehn Jahre lassen sich schwer als eine einzige Geschichte erzählen, eher als eine Art Zeitraffer. Die Probier- und Sparpakete weckten meine Lust, immer wieder neue Weine zu entdecken. Ich bestellte regelmäßig, lernte neue Rebsorten und Stile kennen und wurde offener für Weine, die ich vorher nie gezielt ausgewählt hätte.

Bis heute lande ich immer wieder bei Probierpaketen. Nicht, weil ich noch immer keine Ahnung hätte, was mir schmeckt – sondern weil ich neugierig geblieben bin und gerne Weine entdecke, nach denen ich von mir aus vielleicht nie gesucht hätte. Parallel dazu wurden Wein und persönliche Erlebnisse für mich immer stärker miteinander verknüpft.

Warum erinnere ich mich an eine Pizza in Rom, aber nicht an den Wein dazu?

Bei einem Urlaub in Rom gehörte für mich zu den schönsten Erlebnissen: eine Pizza Margherita und dazu der günstigste Hauswein auf der Karte. Welcher Wein es genau war, weiß ich nicht mehr. Ich kenne weder die Rebsorte noch den Erzeuger. Vermutlich war es kein besonders hochwertiger oder außergewöhnlicher Tropfen.

Aber in diesem Moment passte einfach alles zusammen: Rom, die Pizza, der Hauswein, das ganze Erlebnis. Vielleicht war der Wein für sich genommen gar nichts Besonderes. In dieser Situation war er genau richtig – und deshalb ist er mir bis heute in Erinnerung geblieben.

Seitdem habe ich immer wieder versucht, Weine aus Urlauben online nachzubestellen, um mir ein kleines Stück der Erinnerung nach Hause zu holen. Manchmal klappt das besser, manchmal schlechter. Nach einem Urlaub bestellte ich zum Beispiel für vergleichsweise viel Geld Wein direkt von einem Weingut am Ätna – und leider korkten fast alle gelieferten Flaschen. Enttäuschend, aber auch das gehört zu meiner Weinreise dazu.

Warum habe ich mir nach einer Gehaltserhöhung einen Wein gegönnt, der mir gar nicht geschmeckt hat?

In diesem Jahr stand mein jährliches Mitarbeitergespräch bei der Arbeit an. Ich war vorher sehr angespannt: In den Monaten davor hatte es einige Reibungen mit meiner Führungskraft gegeben, und ich befürchtete, das Gespräch könnte in einem größeren Streit enden.

Es kam völlig anders. Das Gespräch verlief richtig gut, meine ganze Anspannung war unbegründet gewesen – und ich ging sogar mit einer unerwarteten Gehaltserhöhung wieder raus.

Auf dem Weg nach Hause bin ich in den nächsten Supermarkt gegangen und habe mir einen Faustino I Gran Reserva, Jahrgang 2016, gekauft. Die meisten kennen die Flasche vermutlich, auch ohne den Namen zu wissen: das Porträt auf dem Etikett, das goldfarbene Drahtgeflecht um den Flaschenhals. Je nach Supermarkt gehört er häufig zu den teureren Rotweinen im Regal. In diesem Moment fühlte es sich einfach richtig an, mir diese besondere, vergleichsweise teure Flasche zu gönnen.

Und dann die Pointe: Der Wein hat mir tatsächlich nicht besonders geschmeckt.

Kein Beinbruch – aber auch keine Geschichte, aus der ich jetzt ableiten würde, dass teurer Wein sein Geld nicht wert ist. Das wäre die falsche Schlussfolgerung. Die eigentliche Erkenntnis ist eine andere: Ein höherer Preis bedeutet nicht automatisch, dass ein Wein den eigenen Geschmack besser trifft.

Bereut habe ich den Kauf trotzdem nie. Denn die Flasche ist seitdem fest mit diesem Tag verbunden. Wenn ich sie heute im Supermarktregal sehe, denke ich nicht zuerst daran, dass mir der Wein nicht gefallen hat. Ich denke an den überraschend guten Ausgang des Mitarbeitergesprächs und an die Gehaltserhöhung. So hat selbst ein Wein, der geschmacklich nicht zu mir passte, einen festen Platz in meiner persönlichen Weingeschichte bekommen.

Habe ich meinen Weingeschmack jetzt endgültig gefunden?

Nein – und ich glaube, genau das ist der Punkt. Meinen Geschmack habe ich nicht ein für alle Mal entschlüsselt, und ich kaufe heute auch nicht nur noch gezielt dieselben Weine.

Was sich verändert hat: Ich weiß heute deutlich besser, welche Rebsorten, Kombinationen und Stilrichtungen mir häufig gefallen. Ich kann gezielter nach Weinen suchen und manchmal sogar, wie beim Clos Lupo, einer alten Geschmackserinnerung Jahre später wieder nachgehen.

Trotzdem:

  • Ich bestelle weiterhin Probierpakete.

  • Ich probiere neue Weine.

  • Ich kaufe manchmal spontan eine Flasche, die mich einfach interessiert.

  • Ich trinke im Urlaub gerne einen unbekannten Hauswein.

  • Ich kaufe auch weiterhin günstige Weine.

  • Ich treffe gelegentlich daneben.

  • Und ich bleibe neugierig.

Meine Entwicklung bestand nicht darin, vom billigen zum teuren Wein zu kommen. Sie bestand darin, meinen eigenen Geschmack besser kennenzulernen – ohne daraus starre Regeln zu machen. Den eigenen Weingeschmack zu finden bedeutet für mich nicht, irgendwann nur noch dieselben drei Weine zu trinken. Es bedeutet, besser zu wissen, was man mag – und trotzdem neugierig zu bleiben.

Offen für Neues zu bleiben, Erfahrungen zu sammeln und Erinnerungen mit Dingen zu verbinden, gilt wahrscheinlich nicht nur für Wein, sondern fürs ganze Leben. Aber das hier ist nun einmal ein Weinblog.

Gute Weine. Einfach entdecken.